Heute hier, morgen dort? Begleiterscheinungen, Teil 31 vom 3. April 2017


Heute hier, morgen dort“ ist sicherlich eines der bekanntesten Lieder des aus dem ostwestfälischen Bielefeld (Bielefeld? Das gibt`s doch gar nicht) stammenden Poeten und Sängers Hannes Wader, der in diesem Jahr am 23. Juni sein 75. Wiegenfest feiern darf. Seit nun beinahe 50 Jahren bereist er das Land, das er als kritischer und nachdenklicher, sich selbst als melancholisch bezeichnender Mensch stets mit solchen Realitäten konfrontiert, die gern übersehen werden, lauscht man den Sonntagsreden: Gewalt, Neonazismus und Rassismus, Aufrüstung und Krieg, Berufsverbote und Antidemokratismus, Umweltzerstörung und Atomenergie usw. Hannes Wader stand immer auf der Seite der politischen Linken unseres Landes, auch nachdem so manche Salonlinken sich nach dem Ende der DDR als Wendehälse entpuppten. Gemeinsam mit Konstantin Wecker oder Reinhard Mey etwa spielte er unvergessliche Konzerte. Heute hier, morgen dort. Vor beinahe einem Jahr fiel mir diese Titelzeile nicht ein, als sich an einer Wirkungsstätte abzuzeichnen begann, dass ich sie verlassen würde, sollte sich ein schwieriger Konflikt nicht als lösbar erweisen. „Bin kaum da, muss ich fort“ - so fühlte es ich an, auch nach zwölf Jahren Tätigkeit dort. Gerade einiges aufgebaut, musste es schon wieder aufgegeben werden. „So vergeht Jahr um Jahr, und es ist mir längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt, wie es war!“

Nun bin ich an einer neuen Wirkungsstätte angekommen. Ähnlich zwar, aber nicht gleich. Im Vergleich zu vorher keine Verschlechterung jedenfalls. Ein bisweilen neuer Stil, aber nicht unvertraut. Nette neue Kolleginnen und Kollegen, neue wie alte Aufgaben, von allen Facetten etwas. „Hab´ es selbst so gewählt, nie die Jahre gezählt, nie nach Gestern und Morgen gefragt“, singt Hannes. Doch, das habe ich schon versucht, nach vorne zu schauen. Und genau deshalb musste der Weg an anderer Stelle fortgesetzt werden. Und ganz nebenbei erweiterte sich ein anderer Wirkungskreis, nämlich der des Historikers. Plötzlich werden einem Publikationsmöglichkeiten angeboten, an die man vorher nicht gedacht hat. Anerkennung wird einem zuteil und eröffnet durchaus neue Horizonte. Und mit Blick auf das Gestern gilt: „Dass man mich kaum vermisst, schon nach Tagen vergisst, wenn ich längst wieder anderswo bin, stört und kümmert mich nicht, vielleicht bleibt mein Gesicht, doch dem Ein´ oder Ander´n im Sinn!“ Jedenfalls bekümmert es mich kaum bzw. weniger als befürchtet. Ein Ende kann eben auch ein neuer Anfang sein.

Eigentlich neige ich nicht dazu, vorschnell zu urteilen, sondern beobachte eine Weile den Lauf der Dinge, bevor ich eine Wertung vornehme. Und insofern kann ich jetzt sogar sagen, dass ich überwiegend zufrieden bin mit der Entwicklung. Kraft und Zeit für die Wissenschaft bringe ich noch immer auf, so darf es weitergehen. Wader singt: „Manchmal träume ich schwer und dann denk ich es wär´ Zeit zu bleiben und nun was ganz And´res zu tun. So vergeht Jahr um Jahr...“ Anzukommen ist nämlich ein sehr schönes Gefühl. Man kann die Dinge aus ruhiger Gemütslage heraus betrachten und das Erreichte genießen und die Gedankenschwere relativieren. Man hat nicht das Gefühl, ein Getriebener zu sein, wie Wader einer ist. Und ich vielleicht auch. Fortschritt und Bewegung sind lebenswichtig, aber auch Harmonie und Gleichmaß. Und so pendelt man zwischen diesen Gegensätzen, Jahr für Jahr, und es ist längst klar, dass nichts bleibt, dass nichts bleibt wie es war. Vielleicht gilt das auch für Konflikte, die einem einmal sehr weh getan haben.

(Geschrieben in Berlin-Reinickendorf)