Ansprache zum Gedenken von DIE LINKE Glienicke am Gedenkstein für Karl Neuhof am 15. November 2016. Geschrieben am 14. November 2016


Lieber Peter Neuhof, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kolleginnen, Genossinnen und Genossen!

Heute, vor genau 73 Jahren, beendeten die Folterknechte eines menschenverachtenden Regimes, des faschistischen Nazismus, das Leben von Karl Neuhof. Der Mord an ihm im KZ Sachsenhausen am 15. November 1943 löschte das Leben eines Glienicker Kommunisten aus einer jüdischen Familie aus, der nie ein Held sein wollte, aber allen Menschen, auch uns Nachgeborenen, ein Beispiel für Mut, Überzeugungsstärke und Mitmenschlichkeit gab.Karl Neuhof starb kurz vor der Vollendung seines 52. Lebensjahres. Seine Frau Gertrud und er hatten einem Genossen, Wilhelm Beuttel, Unterschlupf gegeben, damit sich dieser vor den Nazis verstecken konnte. Dabei waren sie selbst gefährdet. Im Oktober 1943 wurden die Neuhofs und Wilhelm Beuttel verhaftet. Vor ihrer damaligen Wohnung in der Zeltinger Straße 65 in Berlin-Frohnau ist längst ein Stolperstein verlegt, der an die Neuhofs und ihre mutige und selbstlose Tat erinnert. Karl Neuhof wurde im Oktober 1943 ins KZ Sachsenhausen gebracht und dort am 15.11.1943 ohne Verfahren erschossen.

Die DDR erinnerte an Karl Neuhof, indem die Polytechnische Oberschule in Glienicke seit 1959 seinen Namen trug. So wurde gewährleistet, dass das Wirken der Neuhofs nicht im Mahlstrom der Zeit versank. Während der westdeutsche Staat sich viel zu lange sehr schwer damit tat, den Widerstand von Sozialisten und Kommunisten gegen die faschistische Diktatur vorbehaltlos zu würdigen, hatten die NS-Opfer aus der Arbeiterbewegung ihren festen Platz in der Erinnerungskultur der DDR. Erst Bundespräsident Richard von Weizsäcker bahnte in seiner Rede am 8. Mai 1985 endlich die Brücke zu einem gemeinsamen Erinnern an die furchtbare Zeit zwischen 1933 und 1945. Nur die gemeinsame und vollständige Erinnerung ohne Scheuklappen vermag die Nachwelt vor der Wiederholung dieser Katastrophe zu bewahren.

Doch gibt es indes leider keine Garantie, dass die Gespenster der Vergangenheit uns nicht ein weiteres Mal quälen. Vor unseren Augen entstehen in Europa, in den USA, rechtspopulistische Strömungen, Bewegungen und Parteien, ja, der mächtigste Staat der Erde wird demnächst von einem milliardenschweren Populisten regiert, der uns – wohl nicht grundlos – unberechenbar erscheint. Die EU bröckelt, auch das Resultat einer gegen die kleinen Leute gerichteten Politik, deren Folgen, Armut und Unsicherheit, sich nun Rechtspopulisten zu eigen machen, um gegen Flüchtlinge und Minderheiten zu hetzen. In Ungarn ist Rassismus schon zur Richtschnur staatlichen Handelns geworden, gepaart mit Antidemokratismus. Die Türkei ächzt unter den Angriffen ihres autoritären Präsidenten auf die Freiheit der Meinung und die Bewegungsfreiheit der politischen Opposition und die Integrität der Kurden. Überall in Europa wächst die Anhängerschaft von Rechtspopulisten, die mit ihren falschen Rezepten die Menschen aufhetzen. Arbeit, Brot, Mitbestimmung und Frieden werden die Le Pens, Wilders und Petrys nicht sichern, sondern im Gegenteil noch stärker gefährden!

Die AfD ist in der Bundesrepublik Deutschland eine politische Gefahr für die Demokratie und kein böser Traum. Sie treibt die Republik nach rechts, so weit, dass in Berlin-Zehlendorf mit den Stimmen der AfD eine ehemalige Bundesvorsitzende der Jungsozialisten in der SPD als Stadträtin abgelehnt wurde, weil sie angeblich „linksradikal“ sei.

Wir stehen hier am Gedenkstein für Karl Neuhof, weil die Demokratie in unserem Land angekratzt wird, angegriffen wird von radikalen Rechten, gleich ob im Anzug oder in Uniform. Auf der Strecke bleiben stets die Schwachen, die Bedrängten. Karl Neuhof und seine Familie haben selbst Bedrängung und Verfolgung erfahren, trotzdem haben sie versucht, mutig und solidarisch Bedrängten und Verfolgten zu helfen. Als Kommunisten mit jüdischen Wurzeln waren sie besonders der Unterdrückung und der Willkür des NS-Regimes ausgesetzt. Ihre selbstlose Solidarität bezahlten sie mit KZ-Haft, Karl Neuhof mit dem Tod. Auch seine Schwester Antonie Maurer wurde 1945 ein Mordopfer.


Als die Braunen kamen, waren die Gegenkräfte untereinander so zerstritten, dass sie geschlagen wurden. Wenn wir uns heute einig sind, dass Fremdenhass und Rassismus, dass Menschenverachtung und schrankenlose Ausbeutung, dass Erniedrigung, Unterdrückung und Verfolgung, dass Gewalt und Krieg in unserem Land keinen Platz haben, dann haben wir aus dem Beispiel gelernt, das uns Menschen wie Karl und Gertrud Neuhof, Martin Niemöller, Hans und Sophie Scholl, die Offiziere gegen Hitler, Neu Beginnen und die Rote Kapelle gaben.

Ich bitte Sie nun um eine Minute des stillen Gedenkens!