Der Sozialismus und die Wohnungsfrage. Einführung für DIE LINKE Glienicke vom 19. Oktober 2016


Wenn wir uns heute mit Fragen des Wohnungsbaus, besonders in kommunaler oder genossenschaftlicher Hand befassen, dann lohnt sich ein Blick zurück in die Ausarbeitungen einiger Klassiker des Sozialismus in Zeiten, als die Wohnungsnot in den Städten ein bedeutendes soziales und ökonomisches Problem darstellte, das sich parallel zur kapitalistischen Gesamtentwicklung entfaltete. Ich will mich hierbei vordringlich auf Friedrich Engels und Robert Owen beziehen, die zwei völlig unterschiedliche Deutungs- und Lösungsansätze repräsentieren, deren Synthese allerdings heute noch überaus nutzbringend sein kann.


Friedrich Engels „Zur Wohnungsfrage“ (1873)

Beginnen möchte ich mit Friedrich Engels und seiner Schrift „Zur Wohnungsfrage“, die in MEW Band 18 zu finden ist. Im Jahre 1873 schrieb Engels zur grundsätzlichen Stellung der Wohnungsfrage im kapitalistischen Reproduktionsprozess: „Die Wohnungsnot der Arbeiter und eines Teils der Kleinbürger unserer modernen Städte ist einer der zahllosen kleineren, sekundären Übelstände, die aus der heutigen kapitalistischen Produktionsweise hervorgehen. Sie ist durchaus nicht eine direkte Folge der Ausbeutung der Arbeiter als Arbeiter durch den Kapitalisten.“ (MEW 18: 214)

Es ist ja nicht die Produktionssphäre, in der sich das Verhältnis zwischen Vermieter und Mieter, Käufer und Verkäufer vollzieht, sondern die Reproduktionssphäre. Engels analog dazu: „Der Arbeiter tritt dem Krämer gegenüber als Käufer auf, d.h. als Besitzer von Geld oder Kredit, und daher keineswegs in seiner Eigenschaft als Arbeiter, d.h. als Verkäufer von Arbeitskraft...Genauso ist es mit der Wohnungsnot“. (Ebd.: 214f) Es wird also vorausgesetzt, dass der Mieter seine Arbeitskraft bereits verkauft und seinen Lohn als Gegenwert zu seinen Reproduktionserfordernissen erhalten hat. Die Wohnung allerdings benötigt er, um seine Arbeitskraft kalkulierbar zu reproduzieren bzw. seine Familie zu behausen. Da der Arbeitermieter ja nicht den Wert seiner Arbeitsleistung ausbezahlt bekommt, sondern den Mehrwert für den Kapitalisten etc., Steuern, Abgaben usw. von diesem Wert abgezogen werden, können Arbeiterwohnungen nie zu teuer vermietet werden, werfen also auf Dauer weniger Profit ab, so dass sie nicht mit privaten Interessen mithalten können. Wiederum Engels: „Die Ausdehnung der modernen großen Städte gibt in gewissen, besonders in den zentral gelegenen Strichen derselben dem Grund und Boden einen künstlichen, oft kolossal steigenden Wert; die darauf errichteten Gebäude, statt diesen Wert zu erhöhn, drücken ihn vielmehr herab, weil sie den veränderten Verhältnissen nicht mehr entsprechen; man reißt sie nieder und ersetzt sie durch andre. Dies geschieht vor allem mit zentral gelegenen Arbeiterwohnungen, deren Miete selbst bei der größten Überfüllung, nie oder doch nur äußerst langsam über ein gewisses Maximum hinausgehn kann. Man reißt sie nieder und baut Läden, Warenlager, öffentliche Gebäude an ihre Stelle.“ (Ebd.: 215) Schon dmals also benannte Engels eine Gesetzmäßigkeit des Konkurrierens zwischen öffentlichem Wohnungsbau und privaten Bauinteressen. 

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